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SCHOOL OF THEOLOGY AT CLAREMONT

WEST FOOTHILL AT COLLEGE AVENUE CLAREMONT, CALIFORNI/

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DIE RELIGIÖSEN BEWEGUNGEN INNERHALB DES JUDENTUMS IM ZEITALTER JESU

M. FRIEDLÄNDER

BERLIN W 35

Lützowstraße. 107-8.

GEORG REIMER

Verlagsbuchhandlung

Griechische Philosophie

ım alten Testament.

. Eine Einleitung in die Psalmen- und Weisheitsliteratur von . M. Friedländer. Geheftet M. 5.40.

Das Tier Jehovahs.

Ein kulturhistorischer Essay von Ernst Heilborn. Preis kartoniert M. 3.—. Inhalt: I. Der Mensch und die Tiere. II. Der Gott und die Tiere. III. Das Erwachen des Naturgefühls. IV. Die Phantastik des Natur- gefühls. V. Die gestaltende Phantasie.

Beiträge zur Geschichte der griechischen Philosophie und Religion

von P. Wendland und ©. Kern. Geheftet M. 2.—.

Griechen und Semiten | auf dem Isthmus von Korinth. Religionsgeschichtliche Untersuchungen von

Ernst Maass. Mit einer Abbildung. es Geheftet M. 3.—

Lexicon Syropalaestinum Adiuvante Academia Litterarum Regia Borussica Edidit Fridericus Schulthess. Geheftet M. 10.—, gebunden M. 12.—.

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6 DIE RELIGIÖSEN BEWEGUNGEN INNERHALB DES JUDENTUNS

IM ZEITALTER JESU

M. FRIEDLÄNDER

BERLIN DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER

1905

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VORWORT.

T dem vorliegenden Buche habe ich mir, wie schon der Titel desselben besagt, die Aufgabe gestellt, den religiösen Bewegungen, die im Zeitalter Jesu das Judentum Palästinas und der griechischen Diaspora beherrschten, nachzugehen und zu zeigen, inwieweit sie der kommenden Weltreligion den Pfad bereiteten oder sich ihr hemmend entgegenstellten und dadurch die Entladung latent ge- legener Kräfte beschleunigten. Es wird zu erforschen sein, welche Vorarbeiten intra et extra muros geleistet werden mußten, damit die Zeit erfüllt und reif für das Erscheinen des Messias werde, damit die Welt, berührt von dem Strahl des meteorartig auf- leuchtenden, im Fluge alles Alte und Verlebte versengenden gött- lichen Funkens, zu neuem Leben und zu neuen Idealen erwache und erglühe.

Die wichtigsten Quellen für die Erforschung dieser Zeit und ihrer Bestrebungen sind die Apokryphen und Pseudepigraphen, das jüdisch-hellenistische, nicht minder aber das talmudische und midraschische Schrifttum; das letztere mehr in negativer Richtung, indem es uns die Elemente im Judentum kennen lehrt, die sich jedem Versuche, den Mosaismus von den nationalen Fesseln zu befreien und ihn zur Weltreligion auszubauen, mit aller Macht ent- gegenstemmten, ewig neue Ketten schmiedend, um das Judentum national zu verengen, durch Verlebendigung alter und Schaffung immer neuer Ritualgesetze es von der Außenwelt abzuschließen und jede universalistische Regung aus ihrer Machtsphäre zu bannen. Daher: kommt es denn auch, daß sich in den aus der Zeit der Entstehung des Christentums fließenden talmudischen Quellen auch nicht die ‚leiseste Andeutung über dieses und über dessen Stifter vorfindet. i Freilich. wird ‚dieser unserer Behauptung Re und heute mehr denn je; leicht :begreiflich.''

q*

Iıv Vorwort.

In dem Talmud sprechen Stimmen zu uns aus der Zeit Jesu, Stimmen maßgebender Schriftgelehrten, unter deren Augen Jesus lebte und wirkte, und diese sollten nicht ein Sterbenswörtchen über ihn und sein Evangelium zu berichten gewußt haben? Das scheint doch ganz unglaublich! So dachten und denken noch heute nicht blos christliche, sondern auch jüdische Theologen, und diesen letzteren hauptsächlich ist die merkwürdige Entdeckung zu ver- danken, daß der Talmud die urchristliche Gemeinde nicht nur kennt, sondern auch bekämpft. Sie fanden nämlich in den Minim des Talmud, die hier, weil sie die Thora und Auferstehung leugneten, hart befehdet wurden, die Anhänger Jesu, die Juden- christen wieder.

Wie ungereimt diese Entdeckung auch sein mochte, sie hat doch ungeteilten Beifall hüben und drüben gefunden, und so ist es denn zum Dogma geworden, daß unter den Minim im Talmud Judenchristen zu verstehen seien.

Der Kampf nun, den ich in den letzten Jahren gegen diese verkehrte Hypothese führte, die soviel Trübung in die Erforschung der Geschichte des nachmakkabäischen Judentums und der Entste- hung des Christentums gebracht, und die Beweise, die ich für meine Behauptug, daß die Minim in den ältesten talmudischen Quellen philosophierende Juden gewesen, erbrachte, haben vielseitige Zu- stimmung, aber auch manchen Widerspruch erfahren; und noch in letzter Stunde ist mir ein Widersacher erstanden, der gegen meine These mit großer Heftiskeit anrennt, so daß ich mich auch in diesem Buche bestimmt sehe, gegen die neuerlichen Einwendungen zu reagieren; vielleicht daß es mir diesmal gelingt, die Minimfrage endsiltig zu erledigen.

Bei der Leidenschaftlichkeit, mit der zumal heute nach Jesus und dem entstehenden Christentum im Talmud gefahndet wird, ist es wahrlich kein Wunder, daß sich talmudunkundige Gelehrte für die Hypothese, daß de Minim Christen gewesen seien, leicht kaptivieren ließen. Das ganze Interesse, das die eh Theologen an dem Talmud nehmen, konzentriert sich in der Frage: was er über Jesus und sein Evangelium zu berichten wisse? ob Gutes oder Schlimmes, gleichviel. Die Tatsache an und für sich, daß zeitgenössische talmudische Berichterstatter von den ersten Anfängen des Christentums sprechen, gewinnt Bedeutung, wo sonstige geschichtliche Quellen völlig versagen. Leider muß ich

Vorwort. Y

diese Illusion, die auch ich in jungen Jahren, unter dem Banne der jüdischen Seminartheologie stehend, teilte, gründlich zerstören und konstatieren: daß die talmudischen Quellen des ersten christ- lichen Jahrhunderts noch keinerlei authentische Nachrichten von Jesus und seiner Botschaft haben. Woher diese befremdliche Tat- sache, das wird im Verlaufe unserer Untersuchungen klar werden. Aber ist es denn nicht befremdlich genug, daß auch sonst und selbst in den Evangelien Jesus und seine unmittelbaren Apostel nicht direkt zu uns sprechen, sondern lediglich Überlieferungen durch den Mund späterer, mehr oder weniger eingeweihter und kongenialer Referenten? Und selbst aus den paulinischen Briefen, den# ältesten Dokumenten urchristlicher Geschichte, spricht kein Augenzeuge des Lebens Jesu zu uns, sondern ein Apostel des auferstandenen Jesus, der von dem Erdenwallen des Meisters nur vom Hörensagen unterrichtet ist und seine Botschaft erst aus dem Munde des erhöhten, nicht aber des lebenden Jesus empfangen hat.

Und dennoch ist die Kenntnis des Talmud für die Erforschung der Geschichte des Urchristentums unerläßlich. Und derjenige wird niemals in das Dunkel desselben völlig eindringen, dem dieses Schrifttum ein Buch mit sieben Siegeln; nicht etwa weil es den Schlüssel zur Lösung des Problems des Christentums hat wir sagten ja eben, daß es von Jesu und dem Christentum nichts weiß —, wohl aber weil es uns den Geist enthüllt, der das offizielle Juden- tum jener Zeit beherrschte und uns unwiderleglich zeigt, daß aus diesem die Weltreligion nie und nimmer. hätte hervorgehen können, daß es also vergebliche Mühe, hier die treibenden Kräfte finden zu wollen, die zur Bildung einer Weltkirche führten. Das allein schon ist ein Gewinn von nicht zu unterschätzendem Werte. Wir werden also von hier unsern Blick ab- und ihn ungetrübt einem andern Boden zuwenden, auf welchem Männer von prophetischer Fernsicht erstanden, Männer, die einen andern Geist hatten, und die, wie später Jesus, „gewaltig predigten, aber nicht wie die Schrift- gelehrten“. In diesen Männern lebte der freie weitausschauende Geist des jüdischen Hellenismus, der frühzeitig in den Synagogen der griechischen Diaspora bis herab in die Ara des Christentums von griechischen Juden, wie Apollos, die noch keine Kenntnis von dem erschienenen Messias hatten, gepredigt wurde.

Zum andern vermag die Kenntnis der talmudischen Literatur unser Verständnis für die Zeit, in der das Christentum entstanden,

vıI Vorwort.

ungemein zu fördern, da ja in derselben auch Stimmen aus jener Zeit zu uns dringen, die auf die in ihr zur Geltung gelangenden relieiösen Bewegungen reagieren und uns, wofern wir unbefangen hinhorchen, einen tiefen Einblick in die von uns sonst nur geahnten religiösen Srötungen und Kämpfe gewähren.

Dabei muß unumwunden zugegeben werden, daß die Traditionen, denen das Judentum der griechischen Diaspora folgte, die ursprüng- lichen, seit den Propheten fortgepflanzten und im vormakkabäischen Judentum allgemein verbreiteten gewesen; während jene des Pharisäismus die jüngern, zugunsten eines engen erst jüngst zur zur Herrschaft gelangten Nationalismus aufgehäuften und künstlich in das Gesetz hineingedeuteten waren.

Und hiermit bin ich bei dem Vorwurf angelangt, der mir von jüdischer oder vielmehr neupharisäischer Seite gemacht wurde, daß ich mit meiner Geschichtsauffassung den Faden der „Überlieferung“ durchschneide.

Darauf erwidere ich: Nicht ich, sondern der Pharisäismus hat, begünstigt durch den mit den Makkabäersiegen eingetretenen Um- schwung in den politischen Verhältnissen, die natürliche Entwick- lung des Judentums gewaltsam unterbrochen, seinen Lebensnerv unterbunden, es seiner ureigenen Mission entfremdet und seinen Geist in andere, von den Propheten nie geahnte Bahnen gelenkt, auf denen es die schiefe Ebene des Partikularismus hinunterglitt, so daß es in der Folge zur Mitwirkung an dem Aufbau der Welt- religion untauglich wurde. Ich hingegen knüpfe dort wieder an, wo der Pharisäismus zum großen Unheil des auf den engsten Nationalismus hingedrängten Israel der Religion der Propheten den Lebensnerv durchschnitt. Oder, ist der Geist der pharisäischen Schriftgelehrten in Wirklichkeit der stärkere, göttlichere, der der Propheten aber der schwächere, getrübtere? Ist der letzteren Auf- fassung des Mosaismus: die Voranstellung der Sittenlehre und Rückstellung des Gesetzesdienstes, die scharfe Betonung des welt- erlösenden Messianismus, das unentwegte Bestreben, Israel zum „Licht der Völker“ zu machen, nur von vorübergehender, der pharisäische Ausbau des Gesetzes aber, der zur völligen Isolierung des Volkes führte, von ewiger Bedeutung?

Und eine andere Frage: Ist es dem Pharisäismus tatsächlich gelungen, den von den großen Propheten gepredigten Universalismus auch nur im Heimatslande zu ersticken? In jenem engen, vom

Vorwort. vır

Nationalismus berauschten Teil des Volkes, den er unter seine Fahne zu scharen verstand, allerdings. Nicht aber in den seiner Machtsphäre entrückten, in der Kulturwelt lebenden Massen des jüdischen Volkes, die an Zahl und Intelligenz ihren Volksgenossen in Palästina weit überlegen waren. Und auch daheim widerstanden ihm nach oben die Sadduzäer, die Adelspartei, nach unten das „Landvolk“, das sich nimmer beugte dem Joche, das er ihm an den Hals legen wollte, das seine Väter und Vorväter nicht kannten, da es erst mit dem Sieg des Partikularismus über den Univer- salismus geschmiedet wurde, um das Volk von jedem intimern Verkehr mit der Kulturwelt abzuschneiden, jede Beeinflussung durch die letztere zu verhindern, wodurch selbstverständlich eine Einwirkung des jüdisch-religiösen Geistes auf die Außenwelt un- möglich gemacht wurde. Hier erst ward der Pharisäismus geboren, hier jener blinde Eifer für das Gesetz, der der Nation in der Folge so verhängnisvoll wurde.

Der Pharisäismus erweist sich sonach als ein ungestümer Ein- dringling in das bislang von dem Geist der Propheten und der Weisheitsliteratur souverän beherrschte Judentum. Er durchbrach dessen bisherige religiöse Entwicklung und dämmte es in enge, künstlich aufgeführte Gesetzesschranken ein.

Ähnliches hatten schon Esra und Nehemia, den günstigen Zeitpunkt wahrnehmend, wo ein Teil der Exilierten aus Babylon in die Heimat zurückgebracht wurde, versucht; doch war ihre Mühe damals nur von vorübergehendem Erfolg gekrönt. Aber ihre Schatten wollten seither nicht mehr ganz verschwinden.

Der unverfälschte Mosaismus pflanzte sich also mitnichten fort auf dem von dem Pharisäismus ihm vorgezeichneten Wege: von Moses auf Josua, von Josua auf die Alten, von diesen auf die Propheten und von den Propheten auf die „Männer der großen Versammlung“, will sagen, auf die Schöpfer der pharisäischen _ Traditionslehre; sondern er ging von den Propheten auf die Weis- heitslehrer und von diesen unmittelbar, und mit völliger Umgehung des von dem Weltjudentum sich abzweigenden, von den „Männern der großen Versammlung“ in ein enges nationales Bett geleiteten Israel, auf die führenden Geister des Judentums der griechischen Diaspora über, von wo er in die Weltreligion ausmündete.

Dies ist die richtige Traditionskette, dies der Weg, den die jüdische Religionsgeschichte bis auf die Erfüllung der Zeit ge-

vIII Vorwort.

nommen. Die Propheten haben einen weitausblickenden, von Gesetzesbürden noch ganz freien, den äußerlichen Zeremonialdienst als unwesentlich in den Hintergrund schiebenden Mosaismus ge- predigt. Desgleichen die ihnen auf dem Fuße folgenden, von dem griechischen Geiste bereits berührten Weisheitslehrer. Noch weniger als bei den Propheten begegnen wir bei ihnen einer schärferen Betonung des Zeremonialgesetzes; Gotteserkenntnis und Sittengesetz bilden das Um und Auf ihrer Lehre. Und selbst die Frommen in den Psalmen, die das Feuer nationaler Begeisterung in ihrem Schoße hüteten und den Aufstand gegen die ethnisierenden jüdischen Hellenisten vorbereiteten, sie verinnerlichen die Religion, vertiefen die Frömmigkeit im Gemüte, predigen einen ergreifenden Einfalts- glauben; aber von einem Gesetzesdienst, wie ihn der Pharisäismus erst in der hasmonäischen Periode schuf und zur üppigsten Blüte brachte, haben sie auch nicht die leiseste Ahnung noch. Sogar das tadellos fromme, bibelgläubige, kurz vor dem Ausbruch des Makkabäer- krieges entstandene Sirachbuch weiß noch nichts von einer zweiten, „mündlich überlieferten Thora“, noch nichts von dem Joch pharisäischer Satzungen. Und nun gar erst in der Weisheitsliteratur der griechischen Diaspora, die direkt an die kanonische anknüpft und sie weiterbildet, um in den jüdischen Hellenismus, wie er uns schließlich bei Philo, seinem letzten, beredtesten und begeistertsten Vertreter, entgegentritt, einzumünden, da ist nirgends eine Spur pharisäischer Gesetzesknechtschaft zu entdecken. Hier überall steht der Geist hoch über dem Buchstaben des Gesetzes, und gelangt der letztere nur insoweit zu seinem Rechte, als es die Pietät erheischt, da er ja doch der Leib, der den mit aller Sorgfalt und mit heiliger Scheu zu erforschenden göttlichen Geist berge. Auf dem ganzen langen Weg, den der universalistisch gerichtete Mosaismus von den Propheten bis zum Paulinismus genommen, ist für nationale Be- schränktheit, für einen engherzigen Partikularismus, für einen Menschen und Völker von einander trennenden Gesetzeskultus, wie ihn der Pharisäismus geschaffen, kein Raum. Nur auf einem Seitenwege, abseits von der Reichsstraße des weltgeschichtlichen Geschehens, konnte der Geist Esras zu seinem Ziele gelangen. Dieser Weg aber führte in eine Sackgasse, aus der das durch Ent- faltung der nationalen Fahne seiner Weltmission entfremdete

pharisäische Judentum den Ausblick ins Freie und Weite nicht wieder finden konnte.

Vorwort. IX

Es ist sonach ein grundfalscher, wenn auch durch ein graues Alter geheiligter und zum Dogma erstarrter Glaube, daß der Mosaismus der Propheten uns im Wege der „Männer der großen Versammlung“ vermittelst der „mündlichen Lehre“, des Schlüssels zum Verständnis der „geschriebenen“, wie sie uns in der talmudischen Literatur aufbewahrt vorliegt, überkommen ist. Denn der Geist dieser „mündlichen Lehre“ ist ein ganz anderer als jener der Propheten und der Weisheitslehrer. Das Richtige vielmehr ist, daß der universalistisch gedeutete Mosaismus der Propheten schon im dritten vorchristlichen Jahrhundert mit dem Strom der in die griechischen Länder gezwungen oder freiwillig auswandernden Juden mitgezogen war, um dort zur ungeahnten Entfaltung zu gelangen; während er daheim, als nach den Makkabäersiegen die nationale Begeisterung allbeherrschend und der ideale Sinn durch die Politik verdorben wurde, sich immer mehr verengte und schließlich der - Verkümmerung anheimfiel.

Aber, so fragen die Theologen hüben und drüben, diese un- natürliche, erzwungene, oft gewalttätige Schriftauslegung des jüdi- schen Hellenismus, kann sie die richtige, kann sie dem ursprüng- lichen, von den Propheten in das unbegrenzte Meer des Universalis- mus geleiteten Strom der sinaitischen Offenbarung entflossen sein? Und wäre es nicht sinnlos, sich für eine derartige, oft alle natür- lichen Schranken durchbrechende Exegese zu begeistern? Gewiß! Und auch ich, dem man eine solche Begeisterung wiederholt, und sehr mit Unrecht, zum Vorwurf machte, gestehe offen, daß die allegorische Schriftauslegung, wie sie uns in dem philonischen Schrifttum überliefert vorliegt, mir lange höchst unsympathisch war, und daß es mich viel Überwindung kostete, mich mit ihr vertraut zu machen. Ich gestehe offen, daß mir die pharisäische Schriftauslegung, die ich freilich mit der Muttermilch eingesogen, ungleich sympathischer war und ungleich natürlicher schien, obgleich auch sie nicht frei von Gewalttat ist, wo es gilt, Berge von rituellen Satzungen an ein Haar zu hängen. Gleich den übrigen jüdischen Theologen sah auch ich in der pharisäischen „Traditionslehre“* den einzigen und untrüglichen Schlüssel zu dem richtigen Verständnis für die Religion Mosis und der Propheten und hatte gleichfalls für die dieses Schlüssels entbehrenden Laientheologen des jüdischen Hellenismus nur ein mitleidiges, ja verächtliches Lächeln. Aber schließlich mußte ich mir doch die Frage vorlegen, welche Ziele

x Vorwort.

beide, die jüdisch-hellenistische und die pharisäische Schriftaus- legung, verfolgten, und zu welchem Ende man hüben und drüben oft ganz barbarisch mit dem Schriftwort umsprang? Und die Ant- wort mußte ganz entschieden zugunsten des jüdischen Hellenismus lauten: der Pharisäismus deutete die Schrift im partikularistischen, der jüdische Hellenismus im universalistischen Geiste aus. Jener türmte vermittelst der Bausteine, die ihm das mosaische Zeremonial- gesetz lieferte, ein unübersteigliches Bollwerk um die Nation auf, das sie von der großen’ Welt völlig abschloß und ihre Mission: das Licht der Völker zu werden, zum Verlöschen brachte; dieser hin- gegen. riß alle einengenden und trennenden nationalen und zere- moniellen Schranken nieder, unentwegt das Ziel vor Augen: den Mosaismus zur Weltreligion, zur gottgeoffenbarten Philosophie aus- zubauen. Und das war wahrlich kein leichtes Stück Arbeit. Sollte das große Werk gelingen, dann mußte Gewalt angesetzt werden. Die Ethik mußte über das „Gesetz“, der Geist über den Buch- staben, der Universalismus über den Partikularismus siegen. Der Sieg aber, wenn er ein vollständiger und kein zweifelhafter sein sollte, mußte mit Hilfe des göttlichen Gesetzes selbst errungen, dieses in seinen Tiefen erfaßt, der Kern aus der Schale befreit werden, damit die in ihr latente Weltreligion zum Durchbruch gelange, das Reich Gottes erstehe, in das jeder eindringen könne, „der Gewalt tue“. Wer dieses hohe Streben des jüdischen Hellenismus verfolgt, die Riesenarbeit, die er verrichtet hat, in die später Andere gekommen, um die Ernte zu halten, zu würdigen versteht; den wird es kleinlich dünken, mit ihm über seine Interpretationskünste, vermittelst deren er den Mosaismus zur Höhe einer gottgeoffenbarten Philosophie empordeutete, zu rechten.

Und endlich, wer will sich unterfangen, dem Weltgeist die Wege vorzuschreiben, die er zur Erreichung seiner Ziele verfolgen solle? Der Weg, den er zur Bildung einer Weltreligion genommen, führte das lehrt die Weltgeschichte mit zwingender Deutlich- keit nicht von den Propheten über die schmale, von den „Männern der großen Versammlung“ erbaute Brücke der münd- lichen Traditionslehre, sondern über den breiten Strom der schon unter den ersten Ptolomäern begonnenen und in der Folge immer mächtiger anschwellenden jüdischen Auswanderung in die griechischen Länder und Inseln. Die Diaspora der Hellenen war es, die der

Vorwort. xI

Weltreligion im Heidentum den Pfad bereitete, die „das Licht der Völker“ geworden war.

Wir Juden von heute aber, noch immer in dem engen phari- säischen Gesichtskreis befangen, glauben, obgleich eine zweitausend- Jährige Geschichte uns eines bessern hätte belehren sollen, dennoch, wie einst unsere pharisäischen Vorfahren vor zweitausend Jahren, als die griechische Bibel bereits Gemeingut weiter heidnischer Kreise geworden war, es glaubten, in der sogenannten Traditions- lehre den unveräußerlichen Schlüssel zu dem „geschriebenen Gesetz“ zu besitzen. Wir gleichen darin dem Träumenden, der die Hand voll von Kleinodien zu haben wähnt und dieselbe krampfhaft ge- schlossen hält, beim Erwachen aber betrübten Gemüts sieht, daß sie leer. Wir jedoch vermögen uns nicht zu ernüchtern und träumen noch immer weiter von dem in unserm ausschließlichen Besitz be- findlichen Kleinod, die Hand immer noch geschlossen haltend, während es doch längst in den Besitz einer ganzen Welt ge- kommen ist, die unsern Schlüssel als unbrauchbar verworfen hat. Und nicht darauf kommt es an, wie wir die Bibel auffassen und was sie uns ist und bedeutet, sondern darauf, wie die Welt sie auffaßt und was sie ihr bedeutet. Diese aber hat auf unsere „mündliche Lehre“ verzichtet, dafür jedoch verständnisvoll nach der Schriftauslegung des jüdischen Hellenismus gegriffen, mit deren Hilfe alle nationalen und rituellen Satzungen aus dem Mosaismus ausgeschieden und die ewigen Werte desselben in sich aufgenommen. Diesen Weg wandelten noch vor der Entstehung des Christen- tums auf palästinensischem Boden die Apokalyptiker, die fast durchwegs über das Zeremonialgesetz mit Stillschweigen hinweg- gingen und auf dessen Zinnen die Trikolore des Glaubens, des Messianismus und der Barmherzigkeit aufpflanzten. Denselben Weg wandelte der Pfadbereiter des kommenden Messias, der Täufer, und der ihm auf dem Fuße folgende Messias selbst, der jedoch nicht mehr stillschweigend über die üppigen Wucherungen der pharisäischen Traditionslehre und des alle Glaubensfrömmigkeit erstickenden Zeremonialgesetzes hinwegschritt, sondern sie mit ehernem Fuße zertrat, die Losung ausgebend: „Alle Pflanzungen, die mein himmlischer Vater nicht pflanzte, die werden ausgereutet!“ der mit seinem Blute den Boden düngte, in den er die Saat der aus dem Glauben kommenden Frömmigkeit legte, aus der das Reich des Himmels: hervorsprossen sollte. Vollends aber räumten

XII Vorwort.

hinweg die Trümmer, welche nach der heldenmütigen Erstürmung der pharisäischen Burg umherlagen und noch immer Kraft genug hatten, den Aufbau des Himmelreichs zu verhindern: Paulus und seine jüdisch-hellenistischen Mitarbeiter, der vierte Evangelist, der Verfasser des Hebräerbriefs, Apollos und viele Andere, so daß nun- mehr jeder, der nur ernstlich wollte, eindringen konnte. Und hiermit schloß ob endgiltig, wagen wir gegenüber dem Rätsel des fast zweitausendjährigen weitern Bestandes des Judentums nicht zu entscheiden die Weltmission des Judentums, und jene des Heidentums nahm ihren Anfang, trübend den lautern Quell der Lehre Jesu durch fremdes Wasser und schaffend einen andern, dem ersten nicht unähnlichen, weltlich gerichteten Pharisäismus.

Bis hierher nun, wo wir es mit ausschließlich jüdischer Missionsarbeit zu tun haben, zu der selbstredend jene des ganzen Neuen Testaments zu zählen ist, erstreckt sich unsere Darstellung der religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeit- alter Jesu.

Nun höre ich auch schon da und dort in Kreisen meiner Glaubensgenossen den Vorwurf laut werden, daß ich die Taufe predige. Allerdings, wenn man unter der Taufe das Symbol der inneren Umwandlung und der Wiedergeburt versteht, dann predige ich diese Taufe aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele; da eine solche allein uns aus tausendjähriger innerer Blindheit und äußerer Schmach erlösen kann. Versteht man aber darunter ledig- lich den Übertritt zur Kirche, an welchem Herz und Überzeugung keinen Anteil haben, den Übertritt zur Kirche von heute, die nicht minder einer gründlichen Läuterung entgegenharrt, wie das Juden- tum von heute; dann muß ich mich mit aller Entschiedenheit gegen eine solche Unterschiebung verwahren. Denn einen solchen Übertritt halte ich nicht nur für frivol nnd tempelschänderisch, sondern auch für völlig nutzlos, vollzöge er sich in großen Massen: Er würde zur Bildung eines judenchristlichen Ghetto auf dem Boden des autochthonen Christentums führen, wo der Pharisäismus die Proselytenmassen aus dem Judentum ebenso für minderwertige Christen zweiter und dritter Ordnung halten würde und hier mit vollster Berechtigung, da ja diese innerlich toten Massen der Neubekehrten nicht ein einziges fruchtbares Samenkorn der Kirche zuführen könnten wie vor zweitausend Jahren der jüdische Pharisäismus und nicht .minder derjenige der urchristlichen Ge-

Vorwort. XII

meinde zu Jerusalem die Proselyten aus dem Heidentum, die er eben nur tolerierte, nicht als ebenbürtige Schößlinge der „Pflanze der Auserwähltheit* ansah. Die Taufe, die ich predige, sie ist die echt jüdische, zur Buße und Sinnesänderung auffordernde Taufe des Johannes, des wiederkehrenden Elia, dessen Aufgabe es ist, die Menschen für den bevorstehenden großen Tag des Herrn vor- zubereiten, die einander entfremdeten Herzen zu versöhnen und für die Aufnahme der himmlischen Saat empfänglich zu machen. 'Sie ist die Pfadbereiterin des von den Propheten zum Heile der gesamten Menschheit prophezeiten und von den griechischen Juden geistig geschauten, ewig wiederkehrenden, die Menschen immer höher zu sich emporläuternden Messias, in dessen Bereiche es keinen Juden noch Griechen, keinen Knecht noch Freien gibt, nicht Mann noch Weib, denn sie allzumal sind eins in dem Messias, und darum Abrahams Same und nach der Verheißung Erben. : Diese Idee der ewigen Wiederkehr des Messias nun fanden die gesetzesfreien Messianisten und mit ihnen allmählich die ganze Kulturwelt in Jesu verkörpert, der sich für dieselbe geopfert und erkannten in ihm den verheißenen Messias, der sich durch Über- windung der Welt auf den Thron der Herrlichkeit Gottes empor- gerungen und sich und allen ihm Nachstrebenden einen Platz im Himmelreich erworben hat. Weil aber die Binde des Gesetzes vor den Augen unsere phari- säischen Ahnen klar zu sehen verhinderte, sollen wir späten Enkel, Kinder einer philosophisch geläuterten Zeit, blind bleiben a Weil unsere Väter vor zwei Jahrtausenden saure Trauben aßen, sich von dem „Sauerteig der Pharisäer“ nährten, sollen unsere Zähne noch heute stumpf bleiben müssen? Selbst das als hart verschriene Alte Testament läßt die Schuld der Väter im dritten und vierten Geschlecht gesühnt und erloschen sein; warum aber leiden wir bis ins hundertste Geschlecht? Sollte die Schuld wirklich ausschließlich an unseren Verfolgern und nicht auch fortlaufend an uns selbst liegen? Was uns unsere Rabbiner darüber zu predigen wissen, darauf wollen wir gar nicht reagieren; das ist ihres Amtes, und sie werden dafür bezahlt, daß sie uns ewig Liebkind nennen. Allein selbst nichtrabbinische, gebildete Laienkreise, sogar jüdische, mit akademischen Würden bekleidete Männer sind nach wie$vor in dem Wahne befangen, daß das Judentum unschuldig leide,aund das Schlagwort, das dabei ausgegeben und blind nachgebetet wird,

xIv Vorwort.

lautet: die Minoritäten seien immer der Unduldsamkeit der Majori- täten ausgesetzt! Wie, sind wir denn Politiker? Was hat das Judentum mit Politik zu schaffen? Und wissen diese gebildeten Kreise nichts davon, daß die welterlösenden Ideen stets von Minoritäten, von einzelnen großen Persönlichkeiten, ausgingen, und daß sie schließlich, wenn sie auch vorher Märtyrer gefordert hatten, die Welt bezwangen? Und welchen erlösenden Gedanken haben wir seit zweitausend Jahren in die Welt zu setzen vermocht? Und wenn wir der Welt nichts mehr zu sagen haben, wozu sind wir noch? Welche Berechtigung dürfen wir für unsere Existenz geltend machen? „Wir wollen Juden bleiben, weil unsere Vorfahren es waren!“ Denkende Menschen jedoch bleiben dort nicht stehen, wohin sie der Zufall der Geburt gestellt, wenn sie nicht durch eine lebendige Idee daselbst festgehalten werden, die dann aber auch nach Expansion ringt und missionierend auftritt. „Aber“, so höre ich in diesen Kreisen immer wieder ausrufen, „wir sind nicht schlechter als die anderen!“ Sicherlich nicht, wir sind ja das Produkt ihrer Erziehung. Allein wenn wir nicht besser, wenn unsere Religion nicht die zwingende Macht hat, uns edler, ethischer, selbst- loser zu machen, daß wir durch unser Beispiel den anderen voran- leuchten und uns ihre Anerkennung erzwingen; wo ist die Berechtigung für unseren Fortbestand, wo die erhebende Idee, die uns über die Trostlosigkeit, als Minorität den Stein des ewigen Anlaufens zu bilden, hinwegzutrösten vermöchte? Etwa die frag- würdige Genugtuung, daß wir nicht schlechter als die anderen sind? Wie sagt doch Jesus in der Bergpredigt? „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen; betet für die, so euch verfolgen; auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn so ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut; was tut ihr sonder- liches? Tun nicht die Zöllner auch also? Darum sollt ihr voll- kommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

So spricht ein Jude, der der Welt eine erlösende Botschaft zu bringen hat, für die er jeden Augenblick sein Leben zu lassen bereit ist. Dieser Geist und diese Sprache aber sind uns abhanden gekommen, seitdem wir durch den den Gesichtskreis verengenden Pharisäismus, der bei uns nach den Makkbäersiegen zur Herrschaft gelangte, unserer ureigensten Mission entfremdet worden. Seither:

ern Vorwort. xv

leben wir ohne eine solche, und darum wird das Judentum, das der Welt nichts mehr zu bieten hat, von dieser als eine tote Masse empfunden und bildet ihr einen Stein des ewigen Anlaufens, und wird es ihr so lange sein, als es sich nicht wiederfindet, als es nicht dort wieder anknüpft, wo ihm durch den Pharisäismus der Faden der Überlieferung durchschnitten wurde: an die Propheten, an die kanonische Weisheitsliteratur, an die Apokryphen und Pseudepi- graphen des Alten Testaments und an das Evangelium Jesu, und als es nicht die Fahne des Messianismus im Sinne des echten Judentums und im Geiste der neuen Zeit wieder aufrollt. Unter diesem Zeichen haben wir einmal gesiegt und unter diesem Zeichen können wir wieder aufleben. Bringen wir aber diese Kraft nicht mehr auf, ersteht nicht abermals ein Messias in unserer Mitte, der uns erlöst und der Welt die erwartete Botschaft bringt, die unsere hochentwickelte Kultur in die Sphäre göttlicher Offen- barung emporhebt, sie in den durchsichtigen, aus Morgenduft und Sonnenklarheit gewebten Schleier der keuschen Wahrheit hüllend; dann erwartet uns ein weiteres Siechtum, das so lange währen wird, bis dem Christentum ein anderer, mächtigerer Luther geboren wird, der die Kirche von heute an Haupt und Gliedern reformiert, un- mittelbar an den Geist des Evangeliums Jesu anknüpft, den Stein unseres Änlaufens, den die heidnische Philosophie in sie eingeführt, entfernt und uns den Eintritt freimacht. Dann endlich werden wir in die langersehnte Ruhe eingehen. Es wird dies aber nicht eine heldenmütig und ruhmvoll erkämpfte Ruhe sein, sondern ein Gnadengeschenk, das uns die Welt entgegenbringen wird, zum Lohne dafür, daß wir ihr einst den ewig wiederkehrenden Messias geboren haben.

Wie aber, so höre ich den einen und anderen meiner Glaubens- genossen erstaunt ausrufen, das Evangelium Jesu, das die Vor- stellung von der Einheit Gottes, das Alpha und Omega unseres Glaubensbekenntnisses, zerstört, um dessentwillen tausende und abertausende unserer Vorfahren den Märtyrertod erlitten, das Evan- gelium Jesu, das Konzessionen an den Polytheismus macht, es sollte der Ausfluß echt jüdischen Geistes sein!

Wo aber in aller Welt findet sich im Evangelium Jesu der Monotheismus auch nur im geringsten getrübt? Im ganzen Neuen Testament wird er vielmehr mit den ureigensten Worten der Propheten in allen Tonarten verherrlicht. Man wird doch nicht

xVI Vorwort.

das Trinitätsdogma der späteren Kirche als eine Schöpfung Jesu antizipieren wollen!

Aber Jesus nennt sich selbst einen Sohn Gottes, setzt sich auf den Thron der Herrlichkeit Gottes und wird Teilhaber seines Geistes und sogar seiner Macht. Das ist alles richtig und klingt gottes- lästerlich dem pharisäischen Ohr; ist jedoch Geist vom Geiste des vom Hellenismus genährten Diasporajudentums, welches in seiner philosophisch geläuterten Anschauung von der Erhabenheit und Überweltlichkeit Gottes diesen nicht vermenschlichen, ihn nicht mit der Körperwelt in Berührung kommen lassen wollte, und daher von oben nach unten Mittelkräfte wirken, und von unten nach oben den Menschen durch Überwindung der Welt zu Gott sich empor- läutern ließ.

Und doch klingt es selbst dem pharisäischen Ohr nicht gottes- lästerlich, wenn Moses und die Propheten die Kindschaft Israels scharf betonen, wenn sie Israel den erstgeborenen Sohn Gottes nennen, wenn der Psalmist den Gesalbten sich rühmen läßt: „Gott sprach zu mir, du bist mein Sohn, ich habe heute dich gezeugt, heische von mir, so will ich Nationen dir zum Erbe geben und die Enden der Welt zum Eigentum.“ Auch der Pharisäer wird es nicht als Gotteslästerung empfinden, wenn er im Buche der Weisheit liest, daß der Fromme sich des Besitzes der gött- lichen Gnosis und der Kindschaft Gottes rühmt.') Er wird sich auch darüber nicht entrüsten, daß die Henochapokalypse den Namen des Messias noch ehe die Sonne und die Zeichen geschaffen, ehe die Sterne des Himmels gemacht waren, vor dem Herrn der Geister genannt werden, den Messias auf dem Thron der Herrlichkeit Gottes sitzen, alle Welt ihn anbeten und ihn in Gemeinschaft mit den ihm nachstrebenden Auserwählten auf der neu gewordenen Erde unter dem zum ewigen Segen und Lichte umgestalteten Himmel alle Zeiten hindurch wohnen läßt. Denn ähnliche Vorstellungen wie die von der Vorweltlichkeit des Namens des Messias und seiner Erhöhung hat, wie die talmudische und midraschische Literatur bezeugt, auch der Pharisäismus zu den seinigen gemacht, bezwungen von der suggestiven Macht des von den Apokalyptikern gepflanzten Volksglaubens.. Und diese Vorstellungen beherrschten selbst im

') Sap. Sal. 2,18: Enayy&iletaı yvwow Eyeıy Veod xal malda xuplou Eaurov Gvon.dket.

Vorwort. xvII

pharisäischen Lager die Gemüter dermaßen, daß ein Gesetzeslehrer von der Bedeutung des R. Akiba dem Messias einen Thron im Himmel neben dem Thron Gottes zum Sitz anwies. Die Tatsache allein, daß ein so epochaler pharisäischer Gesetzeslehrer den Messias in die Sphäre .Gottes versetzen und diese Anschauung offen ver- treten durfte, beweist zur Genüge, wiesehr selbst in den obersten Kreisen der pharisäischen Schriftgelehrten die apokalyptischen Vor- stellungen von dem Messias, die auch die neutestamentlichen ge- worden, sich den Boden erobert hatten.

Also bisher erregte es keinerlei Anstoß, wenn der Fromme als Sohn Gottes, der Messias als der noch vor der Weltschöpfung von Gott zum Teilhaber seines Throns eingesetzte, zur Erlösung des Menschengeschlechts berufene Mittler aufgefaßt wurde. Wenn aber die Evangelien Jesum mit den Worten des Psalmisten sich einen Sohn Gottes nennen und sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen lassen, dann ist es: eine tötliche, den Monotheismus unter- grabende Gotteslästerung und bleibt es für alle Ewigkeit. Woher miteins diese nervöse Empfindlichkeit? Sie rührt daher, daß die Nachwelt in ehrfurchtsvoller Begeisterung für das Lebenswerk Jesu und in unbegrenzter Dankbarkeit für die ihr durch ihn’ gewordene Erlösung alle diese Bilder buchstäblich genommen und den Messias Jesus zu einer göttlichen Potenz erhoben hat.

Die Vergöttlichung des Menschen lag eben im Geiste der Zeit: Das Judentum des alten Bundes und der Pharisäismus lassen Gott auf die Erde zu den Menschen herniedersteigen, das griechische und apokalyptische Judentum mit feinerem philosophischen Empfinden den Menschen zu Gott sich erheben. Nicht minder als Jesus im Neuen Testament wird Moses. bei Philo vergöttlicht, wird er zum Lohne dafür, daß er seinem Volke durch Überwindung des Fleisches das Himmelslicht gebracht, zum. Teilhaber des göttlichen Geistes und. der göttlichen Herrschaft, zum Beherfscher der ganzen Natur gemacht. Und selbst der Logos des Evangelisten Johannes ist eine Schöpfung des jüdischen, allerdings jüdisch-hellenistischen Geistes, ein notwendiger Behelf, um eine Verbindung zwischen dem :trans- zendenten. über dem Stofflichen in absoluter Einheit thronenden Gott und der Welt, eine Vermittlung zwischen ihm. und dem Menschen herzustellen. Der Logos ist der Wegweiser für den Menschen, sich zu Gott zu erheben. Schon bei Pseudosalomo ist er Gottmensch, er berührt ‘mit dem Scheitel den Himmel und

Friedländer, Religiöse Bewegungen. b

xVII Vorwort.

schreitet auf der Erde einher, Gottes bestimmte Botschaft verkündend. Bei Philo ist der Priester-Logos der Mittler zwischen dem Schöpfer und der Kreatur und gibt sich diesem heiligen Amte mit unend- licher Liebe hin. Er zieht in fromme Seelen ein und verwehrt, solange er in ihnen wohnt, der Sünde den Zutritt. Wir müssen, sagt Philo, zu Gott beten, daß er, der große Wegweiser, der Richter und Hohepriester in einer Person ist und unsere Seele zum Sitz des 'Gerichtes erhalten hat, auf immer in dieselbe einziehe. Er ist der wahrhaft große Hohepriester dieser Welt, der die Macht erhielt, die ewigen Gnadengaben zu erteilen. Wenn. aber ein Mensch nicht würdig ist, Gottes Sohn genannt zu werden, so bestrebe er sich wenigstens von dessen Ebenbilde, dem erst- geborenen Logos, den Namen zu führen, der da ist der „Mensch nach dem Ebenbilde“, der „sehende Israel“. Er ist der reine voll- kommene Sohn Gottes, der die Sündenvergebung und die Verleihung der reichsten Wohltaten erwirken kann: alle Gnade verleiht Gott

auf die Fürbitte seines Logos.')

Die Logosvorstellung will, weit entfernt, eine Profanierung Gottes, eine Trübung des monotheistischen Gedankens zu sein, vielmehr einen schützenden Damm gegen jede Störung desselben aufführen. Und diese Vorstellung ist von dem jüdisch-hellenistischen Verfasser des vierten Evangeliums auf christlichen Boden verpflanzt worden, um sie in origineller, aber bereits weithin verstandener Weise mit dem Messias Jesus in Verbindung und seine Bedeutung für die Welt dem Bewußtsein der griechisch gebildeten Kreise näher zu bringen.

Zweifellos, der Messias mußte alles in sich befassen: Ver- gangenheit, Gegenwart und Zukunft, Himmlisches und Irdisches, mußte alle jemals im Volke von ihm gehegten Erwartungen, alle über ihn in Umlauf befindlichen Weissagungen erfüllen, alle da und dort inbezug auf das Wesen des erwarteten Erlösers verbreitete Vorstellungen verkörpern; daher denn auch das unausgesetzte Streben der Evangelisten, jede Lebensäußerung und jedes Leiden Jesu als Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen hinzustellen, daher die Botschaft des vierten Evangelisten, welche verkündet, daß der den Gebildeten geläufige Logos in der Person Jesu erschienen sei. Eine Trübung des Monotheismus ist hier nirgends beabsichtigt.

') cf. M. Friedländer, Griech. Philosophie im Alten Test. 195sgg.

Vorwort. XIx

Wenn der Messianismus aber in der Folge eine Vergröberung erfahren hat, so teilte er eben das Los aller, allmählich in die Massen dringenden erhabenen und welterlösenden Ideen; das wirft aber nicht den leisesten Schatten zurück auf Jesus selbst, der die geistige Wiedergeburt des Judentums anstrebte und mit seinem Blute dieses Streben besiegelte, dem kein anderer in dem Maße, wie wir, nach schweren inneren Kämpfen von den Fesseln des Pharisäismus befreiten, von dem krassen Materialismus der Zeit nicht angefressenen modernen Juden nachzufühlen vermag. Denn er war unser, und sein Evangelium ist unser! Es kommt geraden Wegs von dem Mosaismus der Propheten her, der auf seinen langen und weiten Wanderungen durch die griechische Kulturwelt, bestrahlt vom Lichte derselben, verjüngt und zu neuem Leben erweckt wurde.

Der Mosaismus war schon von Anbeginn darauf angelegt, hinaus in die Weite zu wirken, seine Träger sollten ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk sein und durch ihr Beispiel den übrigen Völkern voranleuchten. „Denn das“ so heißt es im Deuteronomium . „ist eure Weisheit und die Erleuchtung in den Augen der Völker, welche, wenn sie alle diese Satzungen vernehmen, sagen werden: wahrlich ein weises und erleuchtetes Volk ist dieses. Denn wo gibt es ein großes Volk, dem Götter so nahe wären, wie der Ewige unser Gott überall, wo wir ihn anrufen? Und wo gibt es ein großes Volk, das im Besitz solcher gerechten Gesetze und Verordnungen, wie sie die ganze Lehre enthält, die ich euch heute gegeben“ ?*)

Diesen Weg ist nach dem Vorbilde der Propheten und der Weisheitslehrer der jüdische Hellenismus gewandelt. Er hat, in die Kulturwelt eintretend, die Bibel zum Gemeingut der gebildeten Welt zu machen sich bemüht, ein Unterfangen, welches das pharisäische Judentum in große Erregung versetzte, so daß es den Tag, an welchem die griechische Bibel das Licht der Welt erblickte, zu einem Fasttag machte und ihn jenem gleichachtete, an welchem Israel in der Wüste das goldene Kalb anfertigte. Das Licht sollte eben ewig unter dem Scheffel bleiben. Den in die unbegrenzten Fernen hinausstrebenden Mosaismus hat der Pharisäismus in seinem unverständigen Eifer für Gott in Fessel geschlagen, indem er ihn vermittelst Gesetzesketten an, die enge Scholle band und ihn vor der Welt vergrub. Jesus aber setzte seine ganze Lebensaufgabe

1) Deut. 4,5-8. b *

xx ‚Vorwort.

darein, ihn wieder frei zu machen, “damit er der Welt zum Segen werde. ‘Schon im Beginn seines Kampfes mit den Schriftgelehrten und Pharisäern ruft er seinen Anhängern zu: „Ihr seid das Licht der Welt. Es e eine Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.:: Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheitel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es dann allen, die im Hause sind. Also laßt euer Licht leuchten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Er vergleicht in vortrefflichem ‘Bilde den Pharisäismus mit dem faulen Knecht, dem sein Herr, als er über Land ging, einen Teil seines Vermögens zur Aufbewahrung übergab, der aber das ihm anvertraute Gut aus Furcht, ‘es möchte Schaden nehmen, in die Erde vergrub, anstatt es zu nützen, und es’ dem Herrn bei seiner Rückkehr unverkürzt, aber auch unverwertet. wieder zurückstellte. Dieser‘ aber fuhr ihn an: „Du Schalk' und fauler Knecht! Du solltest mein Pfund zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine zu mir genommen mit Wucher. Darum nehmt von ihm den Zentner und gebts dem, der zehn Zentner mit dem ihm zur Aufbewahrung gegebenen Pfund erworben hat. .Denn wer da hat, dem wird gegeben, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, das er hat, genommen werden. Und den unnützen- Kneekt wert in die Finsternis hinaus.“ “Und das Himmelreich, von dem der Täufer und das Evangelium Jesu predigen, daß es nahe herbeigekommen, die Entdeckung, daß es nicht äußerlich, sondern inwendig im Menschen, finden wir es nicht bei Moses deutlich vorgezeichnet? „Die Botschaft, die ich euch bringe“, sagt Moses, „ist nicht zu wunderbar für euch und und..liegt nicht fern. Sie ist nieht im Himmel, daß du sagen könntest, wer steigt uns hinauf in den Himmiel, daß er sie holte, damit wir sie vernehmen und verwirklichen. Sie ist auch nicht jenseits des Meeres, daß du sagen könntest, wer zöge für uns übers Meer, .daß er.sie uns brächte, damit wir. sie vernehmen und ver- wirklichen: :sondern sie, ist sehr nahe, in deinem Munde und-.in;deinem Herzen, daß du sie erwirkliche De Diese Spuren, die zum Himmelreich in uns führen, hat der Pharisäismäs: dureh . ein’ endloses Anhäufen äußerlicher Satzungen,

1) Deut. 30,10-15.

on N

Vorwort. "XXI

die des Menschen ganzes Denken und Tun in ‚Anspruch nehmen, verwischt, Jesus aber wieder blosgelegt. Den Pharisäern, die ihn fragten, wann das Himmelreich kommen werde, antwortete er: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden; man wird nicht sagen: Siehe, hie oder da ist es. Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch!“

Die Botschaft Jesu vom Reiche Gottes ist im -unverfälscht jüdischen Geiste gehalten, nur daß sie sich nach dem Beispiel der Weisheitslehrer und der Apokalyptiker nicht mehr an die Nation, sondern an das Individuum wendet, das, als die Zeit der. Erfüllung entgegensah, das Recht, das mit ihm geboren ward, forderte, da in ihm „die Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen“ erwacht war. Es forderte gebieterisch die Umdeutung des Mosais- mus im neuen Geiste, und so wurde das Gesetz. geistig, völlig befreit von der Herrschaft des Buchstabens, welcher tötet.

Die hier nur obenhin angedeuteten Wege, auf welchen der Mosaismus nach langem und schwerem Ringen der ihn umklammern- den Fessel des Buchstabens sich entwand und zur Weltreligion sich emporschwang, eingehend zu verfolgen und die Faktoren, die auf diesen vielverschlungenen Pfaden mitwirkten, daß die Zeit erfüllt werde, aus dem Dunkel der Vergessenheit ans ee. zu Arnssn, ist dis Aufgabe dieses Buches.

Für unsere Rabbiner und Seminartheologen heute die aus- schließlichen Siegelbewahrer unserer Religionswissenchaft, zu der sie aber nicht das geringste seelische Verhältnis haben, und die uns glauben machen möchten, daß alle Schätze religiöser ewiger Werte im Talmud gelegen seien ist dies Buch nicht geschrieben. Diese eines besseren belehren zu wollen, wäre ein vergeblich Mühen. Denn be- kanntlich ist niemand mehr blind, als wer nicht sehen will. Man braucht nur ihre allerjüngsten, „das Wesen des Judentums“ darstellen- den Schriften einzusehen, um zu erfahren, wie weit die Verblendung dieser unserer „Seelsorger“ geht, wie wenig sie gelernt und wie noch weniger sie vergessen haben. Mit diesem literarischen Plebejertum sich auseinandersetzen zu wollen, wäre ein törichtes Beginnen. An seinem pseudopharisäischen Stumpfsinn scheitert alle Logik: Seine Hauptwaffen sind: Totschweigen und, wo dies nicht mehr angeht, Verketzern. Unvermögend, den Gegner zu widerlegen, da es ihnen an Wissen und Begriffen fehlt, werfen sie ihm mit ebenso wohlfeilem als lächerlichem „Mannesmut“ Ketzernamen an.den Kopf, wie:

XXIII Vorwort.

Sadduzäer, Karäer, Acher! Und ihr ausschließliches Trachten. geht dahin, ihn in den Kreisen ihrer gedankenlosen Anhänger unschäd- lich zu machen und seine wissenschaftlichen Darbietungen zu ver- dächtigen. Über diese unaustilgbaren blinden Blindenführer! Diese petrifizierten zweitausendjährigen Mumien glauben, wenn sie einen kümmerlichen modernen Laken auf das alte, an allen Enden und Ecken rissig und schlissig gewordene pharisäische Kleid geflickt haben, modern erscheinen zu können! Allein, ihre beispiellose Rückständigkeit vermag keine Kulturschminke der Welt zu über- tünchen.

Sie ist aber auch begreiflich, diese Rückständigkeit unserer modernen Pharisäer. Ist doch ihr Bildungsgang ein ganz verkehrter. Sie fangen in ihren Schulen mit dem Talmud an, werden in seine Gedankengänge eingesponnen und kommen von ihnen nicht mehr los, selbst wenn sie sich später mit anderen Wissenschaften zu be- fassen anfangen. Sie bleiben doch immer auswendiggelernte Kultur- menschen. Nur ausnahmsweise vermag sich unter Tausenden Einer aus eigener Kraft zur Höhe des freien Forschens emporzuschwingen und alle Vorurteile, die ein enger und engster Partikularismus in ihn gepflanzt, gründlich abzutun. Daher denn auch ihre. Wissen- schaft eine so sterile, öde, über die Buchstabengelehrsamkeit nicht hinauskommende.

Den entgegengesetzten Weg schlug die jüdisch-hellenistische Schule ein und erklomm denn auch den Gipfel des Universalismus.